Palermo 23. Mai 1992 - 23. Mai 2012

 

Am Mittwoch, dem 23. Mai 2012 regnet es in Palermo. An allen Ecken tauchen Farbige auf und verkaufen Schirme. Regenschauer wechseln sich ab mit Regengüssen. Dunkle Gassen erscheinen noch dunkler. Von den breiten Markisen des Marktes Capo tropft das Wasser auf buntes Obst und Gemüse.

 

Am Hafen sehe ich zwei Fährschiffe, die riesig große Plakate mit Fotos von Falcone und Borsellino zeigen. 2500 Schüler und Studenten aus ganz Italien kamen hierher, um an einer der Gedenkveranstaltungen, die heute den ganzen Tag über  in Palermo stattfinden, teilzunehmen.

Der sizilianische Untersuchungsrichter Giovanni Falcone hatte der Mafia den Kampf angesagt. Etwa hundert Mafiosi wurden auf Grund seiner Nachforschungen verurteilt Am 23. Mai 1992 fanden er, seine Frau und drei Leibwächter durch ein Sprengstoffattentat – es wurden 500 Kilo Sprengstoff verwendet - auf der Autobahn bei Capaci, nahe Palermo, den Tod. Nur knapp zwei Monate später, am 19. Juli 1992, fiel auch sein Kollege Paolo Borsellini mit seinen Begleitern einem Attentat zum Opfer.

Ich bummle auf dem Corso Vittorio Emanuele, als eine Polizeieskorte vorbeibraust, gefolgt von mehreren schwarzen Limousinen.

„Das ist Monti“, meint ein Herr neben mir. „Er wird bei einer Veranstaltung sprechen.“

 

Ich blicke den Motorrädern und Autos nach, erinnere mich an die beiden hohen, braunen Obelisken rechts und links der Autobahn vor Palermo mit den Namen der beiden Ermordeten, an die weiße Tafel mit den Worten „No Mafia“.

 

Beim Betrachten der Mosaike in der Cappella Palatina, beim Besuch der Kirche San Cataldo, beim Anblick der Fontana Pretoria und auch im Caffè Mazzara, wo ich wieder einmal ein cannolo mit Genuss verzehrte, da war die Mafia weit weg. Die herrlichen Kunstschätze, die Grünanlagen mit ihren Palmen und reichem Blumenschmuck – das vor allem war für mich Palermo.

Im Zug kam ich ins Gespräch mit einer Dame. Ganz erleichtert erzählte sie mir, dass Leoluca Orlando am Sonntag wieder zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden sei. Zum vierten Mal, fügte sie noch hinzu. „Nun wird wieder alles besser in Palermo“, erklärte sie mir zufrieden lächelnd beim Aussteigen.

Ulrike Rauh